Wochenspruch 1. Sonntag nach Epiphanias

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Römer 8,14)

Liebe Gemeinde,

in was für Zeiten leben wir? Das neue Jahr ist gerade erst angebrochen aber von wirklichem Aufbruch ist kaum etwas spürbar. In der Corona-Pandemie ist der Lock-down verschärft, die Impfungen sind schleppend angelaufen – aber wirklich herunter gehen die Infektionszahlen nicht. Ein wenig ratlos wird nun schon über eine Verlängerung des aktuellen Lock-downs nachgedacht. Die andre große Meldung unserer Tage ist die Lage in den USA. Es ist in der Tat so, dass Entwicklungen zur Demokratie in den USA für uns eine besondere Bedeutung haben. Denn die USA war für uns nach dem 2. Weltkrieg Vorbild – und es gibt Kräfte in unserem Staat, die deutlich mit dem abgewählten Präsidenten der USA und seinen Anhängern sympathisieren. Am Tag nach der Erstürmung des Kapitols durch den aufgewiegelten Mob kam die Meldung: Der Präsident des Deutschen Bundestages beginnt die Sicherheitsmaßnahmen unseres eigenen Parlamentsgebäudes auszubauen. Im Grunde aber hat das Ganze ja auch viel früher angefangen. Schon bei der Amtseinführung Donald Trumps 2017 hat er behauptet, dass viel mehr Menschen gekommen wären, als jemals zuvor. Die Zahlen der Behörden sahen anders aus. In diesem Zusammenhang wurde erstmals der Begriff der „alternativen Wahrheiten“ geprägt. Früher nannte man solche „alternativen Wahrheiten“ schlicht „Lügen“. Und solche Lügen halten sich durch. Früher wurden Präsidenten, denen man eine Lüge nachgewiesen hat, zu Recht scharf kritisiert. Donald Trump hat in seiner Amtszeit nach Zählung amerikanischer Medien mehr als 20.000 Lügen verbreitet. Und seine Anhänger haben sich daran gewöhnt. Die unterscheiden auch nicht zwischen Wahrheit und Lüge. Sie folgen blind. Und dann reicht es ihnen, dass ihr Idol ohne einen einzigen Beweis behauptet, er habe die Wahl gewonnen, dass sie losziehen. Und dann gefährden sie Leben. Das Leben anderer und auch ihr eigenes Leben. Die Brandstifter sind die, die Menschen verführen. Die Lügen, Unwahrheiten, der zynische Umgang mit Wahrheiten ist es, was tötet. Das mag in den USA der Kreis sein, der immer noch vom Wahlbetrug redet. In Deutschland gibt es die Kreise, die immer noch behaupten, das Corona Virus gäbe es gar nicht. Es sei auch kein Mensch je an Covid 19 gestorben.

Entscheidend ist, dass wir uns der Frage stellen: Was ist Wahrheit? Pilatus hat sie Jesus in dessen Verfahren gestellt. Was ist Wahrheit? Ich denke, dass Wahrheit ist, was dem Leben dient. Welche der Geist Gottes treibt – die, die nicht nur sich selbst, ihre eigene Bequemlichkeit und ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. Diejenigen, die über sich selbst hinaussehen können, weil es um das Wohl auch anderer geht. Diejenigen, die sich selbst vielleicht nicht ganz so wichtig nehmen – dafür aber das Wohl des anderen sehen. Wer Rücksicht und nicht sein eigenes Recht nimmt, folgt dem nach, der seine Hände einst ausstreckte, festgenagelt auf sein Schicksal, um alle in die Arme zu nehmen. Nicht nur mich. Auch den anderen. Auch wenn ich den vielleicht gar nicht mag. Im Geist Gottes, den wir als seine Kinder Vater nennen.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky