Wochenspruch für die Woche 19. So. n. Trinitatis

Heile du mich, HERR, so werde ich heil, hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jeremia 17,14)

Liebe Gemeinde,

Wie segensvoll wäre es, wenn es Heilung gäbe. Seit Monaten ist unser Leben durch die Covid-19 Pandemie beeinträchtigt. Hatten wir im Sommer das Gefühl, etwas freier leben zu können, ist es in diesen Tagen schlimmer als zuvor. Auch wenn die Politik es noch versucht auszuschließen: Allen ist bewusst, dass ein Lock down mit allen schlimmen Folgen für unser Zusammenleben immer wahrscheinlicher wird. Und es stellt sich zunehmend auch die Frage, was denn die ganzen Maßnahmen bei uns und für unser Zusammenleben alles bewirkten oder verändern. Sicher, es ist unabänderlich, Kontakte einzuschränken und Distanz zu bewahren. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir in diesen Tagen etwas einüben, das unser Zusammenleben auch in Zukunft und – wenn es das in absehbarer Zukunft überhaupt gibt – ohne Corona beeinflussen wird. Nähe zum Mitmenschen, einen anderen in den Arm nehmen, um ihn zu trösten – all das verlernen wir. Unsere Kinder lernen, dass direkter Kontakt schlecht ist, dass man „Abstand“ halten muss. Die Direktheit eines Kindes, mit der es einen Menschen einfach in den Arm nimmt, weil es gerade eben so sein muss – das alles geht verloren. Die sozialen Kontakte werden mehr und mehr auf die Sozialen Netzwerke verlegt. Bald ist es soweit, dass man den eigenen Kindern vielleicht lieber die Gute-Nacht-Geschichte via YouTube oder Instagram vorliest und statt des Gute Nacht-Kusses lieber ein entsprechendes Emoji schickt.

Auch wenn sich das nun anhört wie eine Karikatur – ich habe schon in der Vergangenheit immer wieder Jugendliche mitbekommen, die ihre Beziehungen via WhatsApp geschlossen oder beendet haben und sich dann gefragt haben: War das nun wirklich „Er“ bzw. „Sie“ – oder nicht vielleicht der beste Freund bzw. die beste Freundin mit dem fremden Handy um einen zu veralbern. Mehr und mehr gleiten Menschen in diese alternativen Welten mit alternativen Wahrheiten und alternativen Verhaltensregeln – und haben immer weniger mit dem wirklichen Leben zu tun.

Wie gut täte es, wenn es da wirklich Heilung gäbe. Denn was wir brauchen, ist nicht nur ein Heilmittel für an Covid-19 Erkrankte und einen Impfstoff – was wir brauchen, ist eine Heilung von den Dingen, die sich verändert haben. Was wir brauchen, ist eine Nähe zum Mitmenschen, die wir nach der Pandemie wieder leben können und die während der Pandemie sich in Rücksicht auf den Mitmenschen ausdrückt. Wir werden diese Krise nicht mit einem Vorrat von 2000 Rollen WC-Papier oder 150 kg gehorteten Mehl überstehen – sondern nur mit der Rücksicht auf den Mitmenschen, den wir vielleicht gerade durch Abstand aktuell bewahren können. Was wir brauchen, ist der gesunde Blick für den Nächsten, der den anderen nicht zum potenziellen Infektionsrisiko diskreditiert, sondern ihn als Partner in der Krise erkennt. Miteinander geht auch mit Distanz und mit Abstand.

In der Erzählung „Der brave Soldat Schwejk“ von Jaruslav Haŝek verabredet sich der „Titelheld“ in einer bestimmten Gaststätte „nach dem Krieg“. Ich mache mir derzeit eine Liste für „Nach Corona“: Wen ich denn unbedingt in den Arm nehmen möchte. Das heute schon zu denken ist vielleicht ein Teil von dem, was der Prophet Jeremia als Heilung bezeichnet.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky