Ostern 2021

„Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,18)

Liebe Gemeinde,

die Worte des Wochenverses finden sich in der Offenbarung des Johannes. Aufgeschrieben wurden sie auf der Insel Patmos, ein Felsen in der Ägäis: Heiß, unwirtlich – da möchte man eigentlich nicht gerne sein. Johannes saß auf der Insel fest, als Gefangener. Wir schreiben um das Jahr 100 nach Christi Geburt. Es war die Zeit der Christenverfolgung. Mit seiner Gefangenschaft hatte Johannes selbst auf dieser Insel noch großes Glück. Denn unglaublich viele Christinnen und Christen wurden vom römischen Staat umgebracht, weil sie den Kaiser nicht als Gott anerkennen wollten. In dieser Zeit schreibt Johannes seine Apokalypse und will den Christen Mut machen. Es soll alles gut ausgehen, denn Gott wird sie beschützen – auch gegen die Römer. Doch woher soll der Mut für Morgen kommen? Und so bedient sich Johannes eines literarischen Tricks: Er berichtet in seiner Apokalypse einfach von schlimmen Ereignissen, die alle kennen und gibt dann einen drastischen, positiven Ausblick. Gott wird alles neu machen. Und um hier Vertrauen zu schaffen, tut er einfach so, als hätte er seinen Text schon vor Jahrzehnten geschrieben. So wird aus seiner Rückschau auf das Gewesene für die Leser eine Vorhersage. Und wenn die Vorhersage dann schon stimmt, dann auch das gute Ende. Und dann gebraucht Johanes auch eine drastische Sprache. Er lässt nichts aus: „Tod“ und „Teufel“, „Unterwelt“ und „Hölle“. Es ist nicht die Zeit, für vorsichtige Formulierungen. Johannes kämpft sprachlich nicht mit dem Florett, sondern mit der Keule – da wo der Staat die Glaubensgeschwister verfolgt. Aber die eigentliche Ungeheuerlichkeit seiner Worte liegt für mich nicht in den drastischen Worten, sondern darin, was Johannes als eigentlichen Inhalt des Glaubens übernimmt. Die Ungeheuerlichkeit liegt im Inhalt des Christlichen Glaubens selbst. Es ist das, was Christus spricht: „Ich war tot – und siehe ich bin lebendig!“

Mit der Aussage, dass Christus gestorben ist, haben schon viele in der Geschichte des Glaubens ihre Schwierigkeit gehabt. Das beginnt schon in der Alten Kirche. Da gab es schon schnell Überzeugungen, Jesus sei gar nicht gestorben, sondern nur scheintot gewesen. Denn es war unvorstellbar für viele: Eine Gestalt wie Jesus, jemand, der sich für andere einsetzt, der kann nicht einfach hingerichtet werden und sterben. So verbrachten Legenden den angeblich überlebenden Jesus nach Indien, wo er dann mit Maria Magdalena Nachkommen gehabt haben soll, deren Nachfolger bis heute noch gegen den Vatikan kämpfen. Autoren von Thrillern und Mystery-Romanen alla Dan Brown lassen grüßen. Aber auch Autoren, die einmal als Fernsehjournalisten bekannt waren, wie Franz Alt, können nicht mit der Tatsache leben, dass Jesus einfach gestorben ist, dass er wirklich tot war. Franz Alt hat gerade wieder einmal ein Buch veröffentlicht, in dem er den Tod Jesus für einen „Übersetzungsfehler“ und eine bloße Behauptung des Paulus hält. Damit befindet er sich in Gesellschaft mit Mohammed, dem Propheten des Islam. Für Mohammed war es unvorstellbar, dass Jesus, dessen Leben vorbildlich war, hingerichtet wird. Und so wird Jesus Tod im heiligen Buch des Islam, dem Koran, auch als falsche Behauptung der Christen abgetan.

Für mich allerdings liegt die Ungeheuerlichkeit der Worte Jesus nicht im ungerechtfertigten Schicksal eines Gerechten. Stellt man sich vor, wer Jesus wirklich war, nämlich nicht einfach nur Mensch, sondern auch Gott - dann ist die Aussage “Ich bin tot gewesen!“ - eine echte Ungeheuerlichkeit. Denn das bedeutet doch eigentlich: Gott ist tot gewesen. Gott war aus der Welt. Kann Gott sterben? Das zu denken ist für uns eigentlich undenkbar. Und genau das ist die unglaubliche Tatsache, die Ostern, die Gottes Liebe eigentlich bedeutet. Es gibt keinen Ort ohne Gott. Und wenn Gott Liebe und Leben bedeutet, dann gibt es keinen Ort ohne seine Liebe, ohne das Leben. Auch wenn uns das undenkbar vorkommt. Auch wenn alles in unserer Erfahrung dieser Aussage widerspricht. Auch wenn es einem so vorkommt wie ein schöner Traum, der nichts mit unserer Welt und unserer Wahrheit zu tun hat. Gottes Wahrheit ist anders. Gottes Wahrheit umgreift unser Leben. Auch in unseren Tagen. Auch wenn heute in den meisten Ländern der Welt Christinnen und Christen nicht mehr verfolgt werden wie zu den Zeiten des Johannes auf seiner Felseninsel Patmos. Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Sorgen um die Zukunft kennen wir auch. In bedrückenden Zeiten weltweiter Seuche und Pandemie sowieso. Aber Gottes Wahrheit ist anders. Auch da, wo wir es nicht denken, gibt es Zukunft. Es gab sie immer – mit Gott an der Seite gegen alles, was wir auch erleben. Trotz alledem. Und sind da auch Hölle, Tod und Teufel. Na wenn schon? Denn wo Gott ist, haben die keine Chance. Und wenn uns diese Gewissheit auch nur eine Sekunde lang in unserer Zeit begleitet, haben wir einen Eindruck davon, was Ostern wirklich bedeuten könnte.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky