Künftig Monatsandachten

Nachdem Herr Weber-Ritzkowsky nun ein Jahr lang jede Woche eine Andacht zum Wochenspruch geschrieben hat, sind die Wochensprüche "aufgebraucht". Sie wiederholen sich nämlich jedes Jahr.

Ab Mai wird er nun auf einen monatlichen Rhythmus umsteigen und jeweils zum Monatsersten eine Andacht zum Monatsspruch hier einstellen.


Monatslosung Mai 2021

„Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“ (Sprüche 31,8)

Liebe Gemeinde,

so ein Satz klingt ein wenig nach Erin Brockovich, jener amerikanischen Rechtsanwaltsgehilfin, die sich für die Rechte und die Gesundheit armer und kranker Menschen in den USA eingesetzt hat - gegen große Firmen. Sie hat den Armen zu einer unglaublich großen Entschädigungssumme verholfen. Ihr Einsatz wurde verfilmt. Julia Roberts gewann für ihre Darstellung 2001 den Oscar.

Setze dich ein für die, die selbst nichts mehr sagen können oder einfach keine Möglichkeit dazu haben. Seit den 1980er Jahren gibt es den Einsatz für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“. Diese Formulierung hat nicht nur in den kirchlichen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Auch staatliche Stellen gebrauchen diese Begriffe regelmäßig. Die Worte stammen aus dem Konziliaren Prozess des 20. Jahrhunderts. Und dieser Prozess hat auch gezeigt, dass die Sichtweise dieser drei Worte doch sehr vom gesellschaftlichen und weltpolitischen Standpunkt desjenigen abhängt, der diese Worte spricht. Allein die Reihenfolge. Die ist geprägt von der Sichtweise der Menschen in den reichen Industrieländern zur Zeit des Kalten Krieges. Das war die Zeit, in der die Angst vor der Vernichtung der Welt durch Atomwaffen sehr real war. Das Leben auf der Erde stand in dieser Zeit mehr als einmal kurz vor seiner Vernichtung und nur das couragierte Eintreten einzelner bewahrte uns davor. Aber schon zu dieser Zeit sagten uns die Menschen aus den ärmsten Ländern der Welt, dass als erster Begriff eigentlich das Wort Gerechtigkeit genannt werden sollte. Denn der Welthandel, wie er eben ist, die billigen Rohstoffexporte aus den Drittweltländern in die Industrieländer, die dann mit ihren fertigen teuren Produkten Exportweltmeister werden – das alles setze die Kolonialzeit auf wirtschaftlich-moderne Weise fort. Auch das Eintreten für die Umwelt muss man sich zunächst einmal leisten können. Die Reduktion der CO2 Emissionen z.B. um 20% trifft in den Industriestaaten vielleicht den Individualverkehr. Das ist ärgerlich, aber man überlebt es. Eine Reduktion der CO2 Produktion in einem Entwicklungsland betrifft sofort lebenswichtige Bereiche des Lebens und der Wirtschaft. Wenn man am Existenzminimum lebt, ist weniger eben oft gar nichts mehr. Und dennoch merken wir überall auf der Erde derzeit, dass es Frieden und Gerechtigkeit ohne die Bewahrung der Schöpfung nicht gibt. Die Horrorszenarien der Klimaerwärmung sind derzeit in den Schlagzeilen von den Inzidenzzahlen der Corona Infektionen abgelöst. Dennoch ist die Bedrohung da, die aber wieder einmal zuerst und vor allem die ärmsten Länder der Welt trifft. Dort gibt es schon Kriege um sauberes Wasser.

Derweil reden wir heute von Gerechtigkeit und Solidarität. Das wohl aktuellste Beispiel ist die Diskussion um die Erleichterungen für Corona-Geimpfte in der Pandemie. Hier schlagen die Emotionen hoch. Die einen sprechen von einem doppelten Nachteil: Erst nehmen die Jüngeren Rücksicht auf die Älteren und die Menschen mit einem höheren Risiko bei einer Infektion und treten bei der Impfreihenfolge zurück. Dann ist eine Bevölkerungsgruppe geimpft und genau die, die nun ein höheres Risiko tragen noch krank zu werden, sind dann die einzigen, die in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt sind? Die andern sprechen davon, dass die Corona-Schutzbestimmungen ja Menschen die Grundrechte einschränken. Und wenn nun die Geimpften und Genesenen kein Risiko mehr für sich und andere tragen, darf man ihnen ihre Rechte nicht weiter wegnehmen. Beide Argumentationen sind nachzuvollziehen. Derzeit wird hefig darüber gestritten. Auch ist mir bei der ganzen Sache Einiges nicht klar: Besteht nicht die Möglichkeit für einen Genesenen, wieder an Corona zu erkranken, womöglich ernster als beim ersten Mal? So jedenfalls berichtete man das vor einigen Monaten. Und weiter: Sind die Impfstoffe nicht – so hieß es bei ihrer Zulassung – vor allen Dingen dazu da, um Menschen vor einem tödlichen Verlauf bei Covid 19 zu bewahren? Besteht nicht immer noch ein recht hohes Risiko, selbst krank zu werden und dann auch noch andere wieder anzustecken? Und alle reden von den Mutationen. Hilft denn die Impfung wirklich gegen jede von ihnen? Es gibt so viele Ungereimtheiten und offene Fragen. Dennoch wird lauthals diskutiert und es werden Gesetze und Verordnungen erlassen. Ich persönlich habe die Sorge, dass hier leichtfertig gejubelt wird vor dem Ende des Spiels. Geht man nicht mit vorschnellen Lockerungen, ohne weiter zu testen – auch die Geimpften, auch die Genesenen – ein hohes Risiko ein, bald in einer viel schlimmeren vierten Welle der Pandemie zu stecken, womöglich dann mit Viren, die durch Mutation resistent geworden sind gegen den einen oder andren Impfstoff. Als ich als Kind krank war, das Fieber aber schon abgeklungen war – da wollte ich auch schon immer wieder raus und toben. Meine Eltern rieten damals zur Geduld. Auch wenn es unpopulär ist und viele es sich nicht zu sagen trauen: Wäre hier nicht vielleicht Geduld der bessere Weg? Das alte Bibel-Sprichwort sagt: Öffne den Mund für den Stummen. Vielleicht sollten wir der verstummten und kraftlosen Geduld zu unserer Zeit mehr Platz in unserem Leben verschaffen.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky