Monatsandacht Januar

Du bist ein Gott, der mich sieht (Gen 16,13)
 

Liebe Gemeinde,

„…denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“, dichtete Bert Brecht in der Dreigroschenoper. Man sieht nur die im Lichte, und von denen auch nur das, was sie gern sehen lassen möchten. Und so kommt es darauf an, dass das, was man zeigt, sich auch sehen lassen kann. Die Welt nimmt nur die Auslage wahr, den schönen Schein. Ganze Existenzen sind darauf heute gegründet. Im Internet, auf Instagram und all den anderen Kanälen gibt es diese lokalen Berühmtheiten, um nicht lokalen Heiligen zu sagen: die Influencer. Sie zeigen der Welt, dass sie von nun an ohne die Verwendung eines bestimmten Lippenstiftes nicht mehr leben können; sie berichten von ihrem Leben, ihren Urlauben, ihrer Familie, davon, was sie essen und wie sie es vielleicht sogar selber kochen. Jede Erkältung bringt so Quote und die Quote erhöht den Marktwert für die zugeschaltete Werbung. Second hand life, das viele Menschen, Follower genannt, gern mit dem wirklichen Leben verwechseln. Denn das, was sie sehen, ist nur das, was sie sehen sollen, der schöne, dramatische, interessante Schein. Den Alltag, die Niederungen; das Verschweigen die intelligenteren der Onlineautoren, denn sie achten damit einen gewissen Schutzraum für sich selbst.

„..denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“. Jochen Klepper hat in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gedichtet: Gott will im Dunkeln wohnen, und hat es doch erhellt! Es ist das Wunder der Geschichte Gottes mit den Menschen, dass Gott diesen Perspektivwechsel vollzieht. Er lässt sich ohne Wenn und Aber auf die Menschen ein und wurde selbst Mensch – und kennt von daher nicht nur die Licht-, sondern auch die Schattenseiten.
Der umherziehende Galiläer kannte das Gefühl. Ganz leer gepumpt zu sein, ausgelaugt und nur noch Ruhe zu brauchen, wenn er vor den Ansprüchen der Menschen in die Einsamkeit und ins Gebet floh. Der umherziehende Galiläer kannte den Zorn, die Liebe, die Wut und die Verzweiflung, sogar das Gefühl der totalen Gottverlassenheit. Und so kennt er auch Hagar und ihre Geschichte.
Hagar war die Dienerin von Sarah, der Ehefrau von Abraham. Sie wird in der Bibel gern als deren Magd bezeichnet, der Begriff der Sklavin bezeichnet die tatsächliche Situation aber wahrscheinlich wesentlich treffender. Hagar war eine Frau, die zum Gefolge Abrahams gehörte, so wie die Hirten der Herden und all die anderen, die mit Abraham und Sarah zogen. Sie waren ein Clan, zu dem eben die Familie gehörte und jede Menge Abhängige, deren Lebensschicksal auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal der Clanfamilie verbunden war. Und so ging Hagar eben Sarah zu Hand, weil die nicht mehr die Jüngste war und noch immer auf einen Sohn wartete. Gott hatte ihn ihr verheißen, aber sein Wort war immer noch nicht eingelöst. Und wie moderne Menschen, bei ungewollter Kinderlosigkeit heute, suchte Sarah auch nach Möglichkeiten, doch noch ein Kind zu bekommen. Geht der natürliche Weg heute nicht, gibt es da die entsprechenden Schwangerschaftskliniken. Sarah wählte den Weg der problematischen Leihmutterschaft. Und sie sollte noch erfahren, dass sie diesen Weg besser nicht gegangen wäre. Aber zunächst sah der Gedanke gut aus: Konnte sie kein Kind bekommen, sollte eben ihre Sklavin Hagar das mit ihrem Mann Abraham erledigen. Hagar selbst wurde dazu nicht befragt, denn sie hätte wohl kaum die Möglichkeit gehabt, sich zu weigern. Was Abraham dazu sagte, davon schweigt der Bibel Taktgefühl. Wir wissen nur: Hagar wurde schwanger. Sarah hätte zufrieden sein können. Doch es kam, wie es eben hatte kommen müssen. Denn mit der Schwangerschaft der Leihmutter Hagar, war Sarah ihrem eigenen Kinderwunsch kein bisschen nähergekommen. Noch immer war sie keine Mutter, sondern nur die Frau eines werdenden Vaters. Eifersucht macht sich breit und Sarah begann die Sklavin zu schikanieren. Hagar floh schließlich in die Wüste, eigentlich der sichere Tod. In die Wüste geschickt, in der Wüste verloren. Doch da begegnet ihr Gott in der Gestalt eines Engels. Bestimmt wird Hagar eingeschüchtert gewesen sein. Denn es ist der Gott Abrahams und Sarahs, der ihr da gegenübertritt. Mitten in der Trostlosigkeit der Wüste rechnet sie mit ihrem sicheren Tod. Solche Engel bewachen das Paradies, lauern fremden Propheten auf. Doch dieser Engeln schüchtert zwar ein, aber seine Botschaft bringt Leben. Gott selbst gibt Hagars Sohn den Namen „Ismael“ – das bedeutet: Der Herr hat sein Elend erhört. Aus dem Brunnen versorgt er die Schwangere mit Wasser, gibt ihr die Kraft, den Mut und die Möglichkeit zu leben.

„…denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln…“ – doch Gott ist ein Gott, der mich sieht. Aus dem Gott Abrahams, der später auch der Gott Isaaks und der Gott Jakobs geworden ist, wird für sie der Gott, der mich sieht. Denn wer Gott wirklich ist und sein kann, das erfahren wir oft nur in wirklich persönlicher Erfahrung. Und auch dann manchmal nur als Momentaufnahme. Denn wer hier ein Happy End vermutet, der wird allein vom amerikanischen Filmemacher Orson Wells eines Besseren belehrt. „Happy End“ das ist dem zufolge eine Frage des Timings. Denn Hagar kehrt zum Abraham Clan zurück, kann leben, Sarah bekommt schließlich doch das langersehnte leibliche Kind. Und wie es zwischen Kindern ebenso läuft, war die Beziehung zwischen Sarahs Sohn Isaak und Hagars Sohn Ismael nicht die beste. So fand sich Hagar sehr bald in der Wüste wieder, diesmal mit ihrem Sohn Ismael und hatte nur noch ihren gemeinsamen Tod vor Augen. Und wieder trat Gott zu ihr, gab ihr Wasser und die Aufforderung, ihren Sohn an der Hand ins Leben zu führen. Und so zog sie schließlich mit Ismael in ein eigenständiges Leben. Von Ismael stammen, so die Bibel, alle arabischen Völker ab. Und der Streit zwischen Sarah und Hagar, zwischen Isaak und Ismael geht als Streit zwischen Juden und Arabern zu jeder Zeit in eine neue Runde. Es liegt anscheinend eine tiefe Weisheit und Kenntnis über die menschliche Natur in der Bibel verborgen.

Nun ist der Spruch der Hagar mit all den Erlebnissen, die mit ihm verbunden sind, zur Jahreslosung geworden. Und vielleicht liegt ja gerade in unserer Zeit, darin ein tieferer Sinn. Denn in auswegloser Situation kommen wir uns vor. Die Pandemie, die uns drei Jahre beschäftigt und viele Menschenleben gekostet hat haben wir hinter uns gelassen.
Diese Zeit hat uns und unsere Gesellschaft verändert. Verhaltensweisen und Gewohnheiten sind anders geworden in dieser Zeit, und es bleibt die Erkenntnis: Die Welt ist mit Corona um eine Krankheit reicher, einer Krankheit, die im Normalfall eben nicht mehr zum Tod führt, aber die Leben immer noch beeinträchtigt. Man gewöhnt sich an viel. Daneben tritt die Erkenntnis, dass wir seit fast einem Jahr Krieg in Europa haben, an dem wir über Waffenlieferungen unmittelbar beteiligt sind. Unter uns leben Menschen aus der Ukraine und wir teilen unsere Ratlosigkeit, wie in diesem Gebiet, zu unseren Lebzeiten, jemals wieder echter Friede sein würde. Wir wissen ja nicht einmal einen Weg, das aktuelle Töten und die Kriegshandlungen zu beenden. Doch selbst wenn dies gelingen sollte – die Abwesenheit von Kämpfen bedeutet noch lange keinen Frieden. Zu tief gehen die Risse durch die Familien und die Menschen, die sich noch zu Beginn des Jahres 2022 als Brüder und Schwestern eingeschätzt haben. Dazu die Folgen, die sich auch bei uns bemerkbar machen.
Das Gefühl in Sicherheit zu leben ist verlorengegangen. Auch das Gefühl, dass Demokratie und Freiheit eine Selbstverständlichkeit sind. Die Preise, auch für Lebensmittel, selbstverständlich für Energie sind hoch und steigen. Mittlerweile fürchtet sich selbst unser deutscher Mittelstand vor der Zukunft. Konkret wird es bei den Sorgen derer, die Wohneigentum erworben haben und nicht mehr auf niedrige Zinsen bauen können. Dazu der Druck, dass unser Leben mit Auto, Flugreise und all dem vielleicht keine Zukunft mehr hat. Individuell mobil zu sein gehört bei uns dank Auto zur Normalität. Doch unsicher ist die Zukunft. Welche Antriebsart für Autos wird es zukünftig geben und … wird das so bleiben, dass auch der Normalbürger sich das Auto vor der Tür noch leisten kann? Dabei wissen wir: blicken wir auf das Klima der Welt, dann ist es eher 5 nach als 5 vor 12. Die steigende Temperatur der Welt sorgt dafür, dass sich die Lebensverhältnisse in der Welt dramatisch verschlechtern. Hunger, Klimakatastrophen und Zusammenbruch der Wirtschaft sind die Folgen.
Woher soll das Brot für morgen kommen, wenn das Korn aufgrund der Trockenheit nicht wachsen kann und dann schließlich das Übriggebliebene von einer Flut weggeschwemmt wird? Und wenn das schon bei uns gilt, um wieviel mehr gilt das in den ärmsten Ländern der Welt?
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Ärmsten der Armen sich auf den Weg machen müssen in Richtung Norden, wo es noch etwas zu essen gibt. Und dann werden diese Hungerflüchtlinge als Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer verunglimpft. Dann ist das Boot voll, die Grenzen dicht und die Demokratie schnell von den Bauernfängern dem Populismus und Nationalismus vereinnahmt. Das Menetekel steht sichtbar an der Wand und mit der Angst vor der Zukunft lässt sich trefflich Profil gewinnen, Politik machen und Profit erzielen. Denn bei jeder Krise sammelt sich das Geld bei wenigen. Geld wird nie weniger, es wird nur neu verteilt und landet schon immer gern bei der Rüstungsindustrie, den Energieunternehmen und Multikonzernen. Auch in den aktuellen Krisen haben die – gerade durch die ausgerufene Zeitenwende – gerade besonders gut verdient.
Und was uns bleibt: Wir könnten uns wie Hagar in die Wüste zurückziehen. Wir könnten die Ausweglosigkeit der Situation genau beschreiben und zu dem Schluss kommen, dass nichts mehr bleibt als das eigene Kind. Alles, was wir lieben, hinter einen Busch zu setzen, weil wir das Sterben nicht mit ansehen können: der Unvermeidbarkeit der Ausweglosigkeit das Einverständnis erklären.
Oder wie es bei einem Rat an den alten Hiob einst hieß: So fluche Gott und stirb. Oder… wir könnten uns mit Hagar an die alten Erfahrungen erinnern. Wir könnten uns daran erinnern, dass Gott mit uns immer den Weg mitgegangen ist. Wir könnten uns daran erinnern, dass es Gott ist, der auch in der Geschichte handelt. Trotz aller Katastrophen, und mögen sie auch noch so schreckliches und unaussprechliches Ausmaß erreichen wie im 20. Jahrhundert, trotz aller Angst und trotz aller scheinbaren Ausweglosigkeit hat sich die Menschenverachtung und der Tod am Ende niemals durchgesetzt. Auch ein Reich, das sich selbst für 1000jährig hielt, fiel doch nach 12 Jahren. Auch die Wasser des Roten Meeres gaben einen Weg frei und auch auf uns wartet mit dem Gott, der uns sieht, eine Zukunft. Und die wird er mit uns gestalten – und wir mit ihm. Darin liegt Gottes ungeheurer Anspruch an uns, aber auch sein Versprechen. Denn auch, wenn man nur die im Lichte sieht – Gott geht es auch um die und das, was nicht im Lichte steht.

Denn Du, Gott, bist ein Gott, der mich sieht.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky