Monatsandacht Juni

Liebe Gemeinde,

es ist Sommer – Zeit der Unbeschwertheit. Seit der Zeit des Ausbruchs der Pandemie haben wir gelernt: Im Sommer gelten viele Vorsichtsmaßnahmen nicht so, wie im Herbst oder Winter. Unbeschwerter leben wir zusammen, treffen einander. Und in diesem Sommer lenken wir uns auch ab von den Sorgen, die uns sonst umtreiben. Der Krieg in Europa und was er für uns bedeutet. Im Sommer wird nicht geheizt. Man braucht weniger Öl, weniger Gas. Und so lebt es sich in diesem Sommer unbeschwerter. Auch wenn wir wissen: Die dunklen Tage kommen. Wir wissen nicht, was der Herbst mit der Pandemie bringen wird. Ist es endlich zu Ende oder erleben wir erneut ein schreckliches Weihnachtsfest? Doch wer will im Sommer schon an Weihnachten denken? Und so spricht der Monatsspruch des Monats Juni genau in diese sommerliche Glückseligkeit. Er stammt aus einem der ältesten Liebeslieder, die ich kenne. Mehr als 2500 Jahre ist es alt und erzählt von der Liebe eines Mannes zu seiner Partnerin:

„Lege mich wie einen Schmuck an dein Herz, wie deinen Siegelring an deinen Finger. Denn stark wie der Tod ist die Liebe. Mächtig, wie die Gewalten der Tiefe, die Leidenschaft. Glühende Lohe ist ihr Feuer, gewaltig ihre Flamme. Wasserfluten löschen die Liebe nicht und Ströme ersticken sie nicht. Wollte einer Liebe kaufen um alle Güter seines Hauses: Er würde vor der Liebe zu Spott.“ (Hoheslied 8,6-7)

Diese Worte stammen aus einem Hochzeitslied. Das ganze Hohelied besteht aus solchen Liedern. Mal stammen sie vom Bräutigam und mal von der Braut. Sie preisen die Vorzüge des jeweils anderen und erzählen vom großen Glück, zueinander zu gehören. Und weil Liebe nun eine Himmelmacht ist, darum hat das Volk Israel diese Lieder als Lesungstext an einem ganz besonderem Tag, als Lesungstext in der Synagoge ausgesucht. Wie bei uns jeder das „Es begab sich aber zu der Zeit des Kaisers Augustus…“ im Gottesdienst am Heiligen Abend erwartet, so erwartet ein Jude das Hohelied beim Passah-Fest. Es ist das Fest, an dem Israel der Taten Gottes gedenkt, als er sie aus Ägypten befreite und ins gelobte Land führte. Es ist das Datum, das gleichsam die Geburtsstunde des Volkes Gottes darstellt. Es ist das Datum, an dem sich Gott seinem Volk mit seinem Namen vorstellt, Mose zugesprochen aus dem Dornbusch heraus. Es ist das Datum, an dem Israel lernt: Gottes Macht erweist sich in der Geschichte. Und gerade an diesem Datum ein Liebeslied? Ja! Genau da. Nicht umsonst wurde das Verhältnis Gottes zu seinem Volk immer wieder im Bild der Ehe gedacht. Am Anfang das lodernde Feuer, das dem Volk in der Wüste vorauszog, und dann doch einmal langweilig wurde. Dann wünschte man sich lieber einen König statt die Führung Gottes, lieber etwas Sichtbares, als den unsichtbaren Gott. So als ob der Partner oder die Partnerin, in die Jahre gekommen, etwas langweilig wird. Und dennoch tut es gut, sich immer wieder an die Zeit zu erinnern, als noch nicht alles selbstverständlich gewesen ist. Denn der Grund des Zusammenseins, die Basis ist und bleibt die Liebe. Die kann man sich nicht verdienen, die kann man nicht kaufen. Versuchte man es, man würde sich lächerlich machen, vor der Liebe zu Spott werden. Und das Wunderbare ist, diese Liebe trägt und erträgt. Wasserfluten löschen die Flamme der Liebe nicht. Nicht Widerstände, nicht Katastrophen, nicht Pandemie, weder Tod noch irgendeine andere Macht können die Liebe überwinden. Und so, genau so, wird die Liebe Gottes zu seinem Volk, zu den Menschen gedacht. Und wenn man genau hinsieht, dann gibt es diese Katastrophen noch, aber sie verlieren angesichts der Liebe ihre beschließende Macht. Liebe bewährt sich durch solche stürmischen Zeiten hindurch. Aber es braucht eben auch nicht nur stürmische Zeiten. Das wäre nicht durchzuhalten. Es braucht auch ruhige Zeiten, Zeiten der Entspannung. Sommerzeiten. So wie der Sommer, der vor uns liegt.

Ich wünsche uns allen eine erholsame Sommerzeit, in der uns Gottes Liebe ebenso begleitet wie in den Zeiten, die uns mehr fordern. Denn für alle Zeiten gilt Gottes Liebe.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky