Monatsandacht September

Monatslosung September 2022

„Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“ (Sirach 1,10)

 

Liebe Gemeinde,

was fällt Ihnen eigentlich ein, wenn Sie das Wort Weisheit hören? Im Allgemeinen schreibt man Weisheit heute dem Alter zu. Ein Mensch, der Lebenserfahrung hat, der sich selbst und der Welt nichts mehr beweisen muss, ein Mensch, der seine Urteile mit Bedacht fällt, der gilt als weise. Ist er jünger, spricht man im Allgemeinen von Besonnenheit oder Klugheit. Vielleicht auch von strategischem Denken. Sind die Haare ergraut oder sogar weiß geworden, wird aus Klugheit Weisheit.

Es gibt allerdings auch Stimmen, die Weisheit eher mit spitzer Feder beschreiben. Kurt Tucholsky tut das in einem Text von 1931. Dort heißt es: „Wenn der Mensch fühlt, dass er hinten nicht mehr hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man dann Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.“ (Der Mensch, Gesammelte Werke 9, 231)

Wie anders interpretiert die Bibel den Begriff Weisheit. Dort ist der weise, der erkennt, dass nicht der Mensch, sondern Gott der Herr der Welt ist. Gott habe seine Gebote und Regeln in der Welt aufgerichtet und nach diesen Spielregeln läuft dann auch alles ab. Wer sich an Gottes Regeln hält, der wird gut und lange leben. Wer gegen Gottes Regeln und seinen Willen verstößt, wird die Folgen davon in seinem Leben zu spüren bekommen. In diesem Geist sind viele Bücher der Bibel wie z.B. die Sprichworte geschrieben worden. Diesen Geist atmet auch das Buch Jesus Sirach, aus dem die Monatslosung September 2022 stammt, und das von Martin Luther nicht mit in den Bestand der Bibel übernommen worden ist. Es steht in den sogenannten Apokryphen, einer Anzahl von Schriften, die so Luther, sehr wohl hilfreich sind aber nicht zum Kernbestand der Bibel, wie er uns auch in der hebräischen Bibel überliefert ist, gehört. Diese Schriften stammen aus der Zeit zwischen den Testamenten.

Wenn alles nach den Spielregeln Gottes laufen würde – wir lebten in einer andren Welt. Und es ist ja auch immer wieder so, dass der, der gegen Gottes Spielregeln verstößt, auch Folgen davon zu spüren bekommt. Unser Umgang mit Gottes Schöpfung mit den Folgen der Klimaerwärmung sind da nur ein Beispiel. Aber es ist nicht immer so, dass es dem, der Gottes Spielregeln beachtet, auch immer gut geht. Und aus dieser Diskrepanz heraus sind dann Bücher wie das Buch Hiob entstanden. Denn nur leider allzu häufig ist es so, dass Menschen leiden ohne Grund und man einfach nur vor einer großen Frage steht. Was tun, wenn alle Weisheit, wenn aller guter Willen nicht wieder hilft? Der leidende Hiob hat sich dann an Gott selbst gewandt. Er hat Gott nicht aus der Verantwortung gelassen. Gott, der sich im Bund mit dem Menschen verbunden hat. Gott, der dem Menschen ganz nah gekommen ist. Gott und Mensch, das ist eine Liebesbeziehung. In einer Liebesbeziehung hat man auch von Zeit zu Zeit seine Fragen, hat man auch gemeinsam Krisen zu bestehen. Doch immer bleibt das Vertrauen zueinander, ohne jedes Kalkül und ohne die Frage, „was hab ich davon?“. Darum ist Gott lieben die allerschönste Weisheit.

Ihr
Matthias Weber-Ritzkowsky